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Alle
Menschen sind Brüder - und Schwestern Im Stammbau des Menschen gibt es
10 Söhne Adams und 18 Töchter Evas
Kain, Abel und Seth - drei Kinder hatten Adam und Eva. So steht es in
der Schöpfungsgeschichte. Zu einer weit höheren Zahl kommen indes Molekularbiologen
in einer modernen Version der Genesis: Mit ausgeklügelten DNS-Analysen
haben sie im Stammbau der Menscheit mindestens zehn Söhne eines genetischen
Adams und 18 Töchter einer genetischen Eva entdeckt, von denen alle heute
lebenden Menschen abstammen.
Schon vor gut zwei Jahren haben Erbgut-Archäologen entdeckt, dass sich
die gesamte Menscheit auf eine Urmutter, die genetische Eva, und ihr Pendant,
den genetischen Adam, zurückführen lässt. Irgendwo in Zentral- oder Südafrika
haben diese Ur-Eltern des modernen Menschen, des Homo sapiens, vor rund
140'000 bis 150'000 Jahren gelebt.
Die ersten 100'000 Jahre seiner Geschichte blieben die Nachfahren Adam
und Evas dem schwarzen Kontinent treu, besagt die heute gängige Lehrmeinung.
Erst vor etwa 50'000 Jahren brachen dann die ersten Gruppen von jeweils
wenigen hundert Jägern und Sammlern von Ostafrika auf, um über den Nahen
Osten die weite Welt zu erobern. Dabei teilten sie sich vermehrt auf:
Die einen Gruppen zogen nach Asien und weiter nach Amerika oder Ozeanien,
andere Trupps wählten vor rund 45'000 Jahren den kürzeren Weg nach Europa.
Diese Besiedlungswege - und damit auch die Geschichte des modernen Menschen
- haben nun zwei Forschergruppen mit Hilfe genetischer Spuren rekonstruiert.
Der bislang detaillierteste Stammbau kommt dabei aus dem Labor des Molekulargenetikers
Douglas Wallace von der Emory University in Atlanta. Sein Baum basiert
auf einer Analyse des Erbguts der Krafwerke der Zellen, den so genannten
Mitochondrien.
Im Gegensatz zum " normalen " Erbgut der 23 Chromosomen, das
bei jeder Zeugung aus einem väterlichem und einem mütterlichen Anteil
neu gemischt wird, wird das Mitochondrien-Erbgut nur über die müttlerliche
Linie vererbt. Theoretisch sollte das Mitochondrien-Erbmaterial (DNS)
daher bei allen Menschen identisch sein. In der Praxis sieht das anders
aus: Über die Generationen haben sich, beispielsweise durch Strahlenschäden,
immer wieder Kopierfehler eingeschlichen.
Weil sich die Frauen stetig über den Globus verteilten, während sich die
Kopierfehler in die Mitochondrien-DNS einschlichen, kommen heute bestimmte
DNS-Variante nur auf einzelnen Kontinenten vor. Wallace verglich daher
die Mitochondrien-DNS von heute lebenden ethnischen Gruppen aller Kontinente
und fand dabei 18 verschiedene Abstammungslinien.
Die Wiege des modernen Menschen steht tatsächlich in Afrika.
So besitzen fast alle amerikanischen Indianer Mitochondrien-DNS vom Typ
A, B, C oder D. Europäer gehören dagegen zu (neun) anderen Abstammungslinien,
die Wallace mit H bis K und T bis X benannte. Aus den genetischen Unterschieden
der einzelnen Linien konnte Wallace zudem lesen, dass sich die beiden
europäischen Hauptlinien vor etwa 39'000 bis 51'000 Jahren räumlich (und
somit auch genetisch) aufteilten - also etwa zur Zeit, als unsere Vorfahren
Richtung Europa aufbrachen. Diese Zeitspanne stimmt mit archäologischen
Befunden überein, die besagen, dass der Homo sapiens Europa vor mindestens
35'000 Jahren besiedelt hat.
Mit seiner Methode konnte Wallace auch die Wurzeln des Mitochondrien-Stammbaums
erforschen. Wie der Erbgutforscher kürzlich im Fachblatt " The American
Journal of Human Genetics " berichtete, fand er zwei afrikanische
Stämme, die der " Mitochondrien-Eva " am nächsten kommen : die
" Vasikela Kung " in der Kalahari-Wüste von Südafrika und die
" Biaka " aus Zentralafrika. Dort, so die Folgerung, könnten
also " Adam " und " Eva " gelebt haben.
Der Mitochondrien-Stammbaum von Wallace dürfte auch eine bis vor kurzem
noch heftig geführte Kontroverse unter Anthropologen lösen. Hat sich der
moderne Mensch gleichzeitig an mehreren Orten entwickelt (die so genannt
multiregionale Hypothese) oder nur einmal in Afrika (Out-of-Afrika-Theorie).
Wallaces Daten sprechen eine klare Sprache. Die Wiege des modernen Menschen
steht tatsächlich nur in Afrika.
Diese Aussage erhält noch mehr Gewicht, wenn man neuste, zum Teil noch
unveröffentlichte Resultate aus Analysen der männlichen Abstammungslinie
zu Rate zieht. Genauso wie die Mitochondrien-DNS nur mütterlicherseits
vererbt wird, gibt es auch Erbmaterial, das nur vom Vater zum Sohn weitergegeben
wird. das Y-Chromosom.
Eine Forschergruppe von der Stanford University in Kalifornien hat die
Y-Chromosomen von Männern aus verschiedenen ethnischen Gruppen unter die
Lupe genommen. Ihr Fazit. Das Muster der Aufsplittung in verschiedene
Gruppen ist bei den männlichen Abstammungslinien sehr ähnlich wie beim
weiblichen Stammbau.
Das Stanford-Team um Peter Underhill und Luca Cavalli-Sforza hat den Y-Stammbau
zwar noch nicht publiziert, doch in dem im März erschienenen Buch "
Genes, People and Languages " (Autor: Cavalli-Sforza) gibt es eine
Vorschau auf die Studie: Demzufolge hat der Y-Baum zehn Hauptäste, die
sich aber mit den 18 weiblichen gut decken. Von den " Söhnen "
des Y-Adams leben die Gruppen 1, 2 und 3 heute in Afrika. Sohn 3 wanderte
Richtung Asien aus, wo sich die Söhne 4 bis 10 abspalteten und den Rest
der Welt eroberten.
Amerika ist mindestens dreimal besiedelt worden.
Luca Cavalli-Sforza glaubt, dass die Y-Chromosom-Abstammungslinien mit
den Haupt-Sprachgruppen assoziiert sind. So zum Beispiel könnte die südkaspische
Population eurasisch gesprochen haben, die Vorgänfersprache von Indogermanisch
und allen anderen wichtigen Sprachen des Kontinents. Der geistige Vater
des " Human Genome Diversity Projects " (das den genetischen
Unterschieden der verschiedenen ethnischen Gruppen auf der Spur ist),
wie Cavalli-Sforza auch genannt wird, exponiert sich mit dieser These
allerdings. Kollege und Mitochondrien-Forscher Douglas Wallace jedenfalls
gibt sich zurückhaltend: " Ich bin da vorsichtiger als Luca. "
Nicht nur für die Sprachen-Entwicklung könnten genetische Stammbaum-Analysen
dereinst wertvolle Hinweise liefern, sie öffnen generell der Archäologie,
und auch der Ethnologie, neue Dimensionen. So konnte eine Gruppe um Michael
Hammer von der University of Arizona in Tuscon diese Woche zeigen (die
Studie ist erst im Internet veröffentlicht: www.pnas.org), dass sich jüdische
und arabische Gruppen genetisch kaum voreinander unterschieden.
Aufschluss geben die Mitochondrien-und Y-Chromosom-Analysen womöglich
aber auch über eine der am meisten diskutierten Fragen in der Archäologie:
Wann und wie wurde der amerikanische Kontinent besiedelt ?
Joseph Greenberg, ein Linguist an der Stanford University, glaubt, Amerika
sei dreimal besiedelt worden, da auf dem Kontinent drei Hauptsprachgruppen
auszumachen sind: Amerindisch, Na-Dene und Eskimo-Aleutisch. Die Mitochondrien-Daten
von Douglas Wallace stützen diese These ziemlich genau. Allerdings sagen
die Gene, dass die Ankungt der Amerinder vermutlich in mehreren Wellen
erfolgt ist. Während die Äste A bis D im Mitochondrie-Stammbau den aus
Sibirien eingewanderten Amerindern zugeordnet werden, könnten die Na-Dene-Sprechen
(Ast X) von Europa her nach Nordamerika gelangt sein.
Eines zeigen die genetischen Untersuchungen aber auch: Zwar haben die
Forscher etliche Differenzen auf dem Y-Chromosom gefunden, doch praktisch
alle Unterschiede finden sich in jenem Bereich des Erbmaterials, wo keine
Gene liegen und wo sie daher auch keinen Einfluss auf die Körperfunktionen
haben.
" Auf dem Niveau des Y-Chromosoms ", folgert Stanford-Forscher
Peter Underhill daher, " sind wir tatsächlich alles Brüder. "
Juden und Araber sind genetisch nah miteinander verwandt.
Erbgut-Analysen helfen nicht nur mit, ein genaueres Bild des menschlichen
Stammbaums zu zeichnen, sie liefern auch brisante Aussagen über verwandtschafliche
Beziehungen von ethnischen Gruppen.
So publizierte Michael Hammer von der University of Arizona diese Woche
eine Studie über die genetische Verwandtschaft von jüdischen Populationen.
Die Juden, so eine Erkenntnis der Studie, haben ihre genetische Einheitlichkeit
auch 2500 Jahre nach dem Aufbruch aus dem Nahen Osten weitgehend bewahrt.
Das lässt zwei Schlüsse zu: Nur wenige Junden heirateten Menschen anderer
Gruppierungen und wenige Menschen konvertierten zum Judentum.
Viel brisanter ist jedoch die andere Erkenntnis der Studie. Juden aller
Populationen ähneln sich genetisch nicht nur selber, sondern mindestens
so stark den Palästinensern, den Syriern und den Libanesen. Mit anderen
Worten: Juden und Araber stammen wahrscheinlich von denselben semitischen
Stämmen ab, die den Nahen Osten vor etwa 4000 Jahren besiedelten. Das
passt gut zu historischen Erkenntnissen, die die Wurzeln des Judentums
ebenfalls im Nahen Osten sehen.
Für die Studie untersuchte das Forscherteam das Y-Chromosom von über 1300
Männern aus Europa, dem Mittelmeerraum, dem Nahen Osten und Afrika. Die
Männer gehörten zu 29 verschiedenen Populationen, darunter sieben jüdischen
und 16 nicht-jüdischen aus geografisch ähnlichen Regionen.
Nicholas
Wade für SonntagsZeitung, 14.05.2000
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